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Der Ryoan-ji

"Zen-Schule des zur Ruhe gekommenen Drachen"

Fachartikel über den buddhistischen Tempel und seine Gartenanlage von Sôtai M. Knipphals 2498 nach Buddha

Ryoan-ji, Haupt-Gartenanlage mit den weltbekannten Felsinseln Abb 01: Ryoan-ji, Haupt-Gartenanlage mit den weltbekannten Felsinseln Ryoan-ji, Moosgarten in einem Nebenbereich Abb 02: Moosgarten in einem Nebenbereich Der Ryoan-ji war, wie viele Zen-Schulen, ursprünglich ein Adelssitz (siehe Ginkaku-ji, Ninna-ji). Das Hauptgebäude wurde 1494 umgeformt. Das ursprüngliche Gebäude wurde von Hosokawa Katsumoto (spätere rechte Hand von Yoshimasa, Bauherr des Ginkaku-ji) um 1449 für den Fujiwara-Clan gebaut. Der Karesansui (Trockengarten) ist vermutlich von Teemeister Soami oder Teemeister Murata Juko (siehe Tokudo im Ginkakuji) erbaut worden. Der südlich davon befindliche Teich stammt vermutlich sogar schon aus dem 12. Jahrhundert und gab der Anlage ursprünglich den Namen Oshidori-dera (Mandarin-Enten Tempel).

Der Ryoan-ji ist unter allen Gärten Japans der wohl bedeutendste und weltweit berühmteste aller Gärten. Ryoan-ji, Blick in die Haupt-Gartenanlage Abb 03: Blick in die Haupt-Gartenanlage Selbst wenn der Kinkaku-ji (goldener Pavillon), der Ginkaku-ji (silberner Pavillon), der Tofuku-ji, der Daisen-in oder der Tenryu-ji in Arashiyama (Westen Kyotos) wie auch der Kennin-ji ebenfalls weltberühmt sind. Hat man in seinem gesamten Leben nur eine Stunde Zeit, um etwas über Japan und die Kultur des Zen zu erfahren, so sei dieser Garten der Gärten jedem ans Herz gelegt. Keiner, der sich einmal wirklich auf diesen Garten einließ und dort still saß, ging, wie er gekommen war.

Daher darf es nicht verwundern, wenn kaum ein anderer Garten oder Park der Menschheit mehr Diplomarbeiten, Promotionen u.d.m. angeregt hat, als diese schlichte und faszinierende Anlage. Dabei befinden sich auf einer Kies-Fläche von heute 21,10 Metern auf 9,30 Metern nur 15 Felsen unterschiedlicher Größe mit etwas Moos am Saum und einer als nationales Kulturgut ausgewiesenen Lehmwand im Hintergrund.
Ryoan-ji, Grosse Dharma Halle Abb 04: Große Dharma Halle Ryoan-ji, ursprünglicher Übergang zum Hojo Abb 05: ursprünglicher Übergang zum Hojo (Haupthalle) Ryoan-ji, heutiger Übergang zum Hojo Abb 06: heutiger Übergang zum Hojo ………
Die ursprüngliche Fläche war nach Osten um ca. 4 Meter breiter, also ca. 25,10 Meter, wie man noch heute sehr gut an den alten Randsteinen sehen kann. Der „neue“ Zugang zum Hojo (zur Haupthalle) schneidet durch die alte Fläche und verfälscht die Proportionen. Die heutige Anlage lässt die im rechten Teil noch erlebbare Stille und entspannte Großzügigkeit vermissen. Die Fünfer-Fels-Gruppe links wird nun von dem nachträglich eingebauten Weg bedrängt.
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Auch muss man sich diese Fläche ursprünglich ohne die Lehmwand vorstellen. Das Konzept der sog. „geborgten Landschaft“ (Umgebungs-Landschaft wird als Teil der Gestaltung im Vordergrund miteinbezogen) führte hier dazu, dass man über den tiefer liegenden alten Teich hinwegschauen konnte. Mit einem grandiosen Blick auf Kyoto. Es darf spekulativ angenommen werden, dass statt einer Mauer eine Azaleen- oder niedrige Kamelienhecke, wie im Daisen-in oder Taizo-in (Subtempel im Myoshin-ji), die Fläche gerahmt, aber nicht begrenzt hat. Die Ausrichtung und der dynamische Verlauf der Felsformationen zeigt nach Westen, hin zum von dort erwarteten nächsten 5. Buddha Maitreya, der Shakyamuni Buddha (566-486) folgen soll und zwar etwa 2500 Jahre nach ihm.


Bedeutung
Die Interpretationen über den Symbolgehalt sind so zahlreich wie töricht. Mittels Denken und fern eines Meeres kann man bekanntlich nicht Schwimmen lernen … . Alle Arten von Analyse sind somit von Anfang an unsinnig. Zum einen wissen wir seit Heisenberg, Ryoan-ji, Felsen 3er Gruppe Nahaufnahme Abb 07: Felsen 3er Gruppe Nahaufnahme Ryoan-ji, Felsen 3er Gruppe im Nachmittagslicht Abb 08: Felsen 3er Gruppe im Nachmittagslicht Ryoan-ji, Wasserbecken mit den Schriftzeichen: Lernen, um sich zu vervollkommnen. Abb 09: Wasserbecken mit den Schriftzeichen: "Lernen, um sich zu vervollkommnen." dass „das Ganze mehr [ist], als nur die Summe seiner Teile“ (vgl. "Der Teil und das Ganze": W.Heisenberg, 1969); zum anderen kann man das Ganze nur erfassen, wenn man sich ganz auf das Ganze einlässt. Was wiederum ein Überwinden des Dualismus - daher Zazen und Teeweg - unumgänglich macht. Nicht ohne Grund sind die Garten-Erschaffer Japans Zen-, und noch häufiger Teemeister. Ohne Überwindung kein wirkliches Sehen und kein wirkliches Kreieren. Es bleibt einem nur an der Oberfläche agierendes Design. Auch das lehrt uns über alle Zeiten hinweg dieser Garten.

Er zeigt zugleich auch den Weg - durch ein Sich-darauf-Einlassens - zu Respekt, Demut, Stille und wahrem Tun. Somit zeigt er uns, was wir Menschen vermögen, wenn wir an uns arbeiten, wenn wir die Vorstellung eines törichten ICH überwinden und alle Hürden meistern; womit wir tatsächlich uns selber meistern:
Als … … scheinbar wahllos ins Leben-Gestellte.
Und dennoch an rechter Positition. (Jeder mag einmal in Gedanken die Position der Felsen des Ryoan-ji verändern und er wird verblüfft feststellen, dass so wie sie liegen, die Anlage vollkommen ist und von absoluter Beschaffenheit. Jenseits von beliebigem Geschmack und Meinung und all den Ismen, die wir Menschen als Ersatzerklärung für die Welt erfunden haben.



Der Ryoan-ji zeigt uns allen: Einfach nur Sein im Ozean des So-Seins.
Tag für Tag. Ryoan-ji, Lotus-Teich Abb 10: Lotus-Teich Lageplan der buddhistischen Tempel in Kyoto

Bildnachweis

// Abb. 01: Haupt-Gartenanlage mit den weltberühmten Felsinseln - J.P.Knipphals // Abb. 02: Moosgarten in einem Nebenbereich des Ryoan-ji - M.Knipphals // Abb. 03: Engawa mit Blick in die Haupt-Gartenanlage des Ryoan-ji - M.Knipphals // Abb. 04: Große Dharma Halle des Ryoan-ji - M.Knipphals // Abb. 05: Früherer Übergang zum Hojo - M.Knipphals // Abb. 06: Heutiger Übergang zum Hojo - M.Knipphals // Abb. 07: Felsen 3er Gruppe Nahaufnahme - M.Knipphals // Abb. 08: Felsen 3er Gruppe im Nachmittagslicht - M.Knipphals // Abb. 09: Wasserbecken mit den Schriftzeichen "Lernen, um sich zu vervollkommnen" - M.Knipphals // Abb. 10: Lotus-Teich - M.Knipphals

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